Reben und Weine: das weisse Gold

Man wird sich noch lange an diesen Sonntag, den 10. Dezember erinnern, als in der Walliser Rhoneebene bis zu 80 Zentimeter Schnee fielen. Bergstrassen wurden gesperrt, Automobilisten waren während Stunden auf der Autobahn blockiert und es kam zu Ausfällen im Zugsverkehr: Den ganzen Tag lang wüteten die Mächte der Natur und führten dem Menschen seine unbedeutende Stellung im Naturkosmos vor Augen. Doch wenn auch diese Schneefälle den modernen Menschen in seiner Mobilität beeinträchtigten, sie erfreuten die Kinder… und auch die Reben!

Nachdem die Rebe seit März unter Hochdruck gearbeitet hat, tritt sie nun in eine Phase der Winterruhe. Ihrer Blätter entblösst, scheint sie wie ausgemergelt und abgemagert. Der Weinberg präsentiert sich als Landschaft erstarrter Ranken, deren Finger sich knorrig gegen den Himmel erheben. Die Intensität der Sonnenstrahlung nimmt dramatisch ab und unter der Erde kommen die Prozesse allmählich zum Stillstand. Das ist der Anfang der Ruhephase, in welcher die Pflanze ihre Kräfte sammelt. Eingehüllt in einen weissen Schneeschleier schläft sie, wie die sie umgebende Natur.
Für die Winzer ist der Schnee ein wahres Geschenk des Himmels. Nicht zufällig nennen sie ihn das «weisse Gold»! Denn der Schneemantel bildet vor allem eine perfekte Isolation gegen den Winterfrost. Doch der Schnee, der im Dezember fällt, stellt darüber hinaus auch einen nicht zu unterschätzenden Wasservorrat dar. Die Winter der letzten Jahre waren in den Niederungen sehr schneearm. Für den Winzer bedeutet dies, dass er im Frühjahr mit einem folgenreichen Feuchtigkeitsdefizit im Boden beginnt. Die Schneemassen dieses Dezembers schmelzen langsam ab und füllen die Wasserreservoirs in den Böden der Weinberge. Dies erfolgt zudem auf weit nachhaltigere Art und Weise, als es bei Regenfällen der Fall ist, denn das Regenwasser fliesst im Wallis aufgrund der Hanglagen und der Bodenbeschaffenheit oft ab, ohne in die Tiefe zu dringen.
Im Wallis herrscht bekanntlich ein sehr trockenes Klima, Niederschläge sind selten. Sierre ist sogar die trockenste Stadt der Schweiz: 300 Millimeter Regenwasser fallen hier während der Vegetationsperiode von Mai bis August. Zum Vergleich: Im Lavaux fallen in derselben Periode 1200 Millimeter, viermal mehr. Wenn die Böden im Winter nicht ausreichend durchwässert werden, muss der Winzer seinen Weinberg bewässern, um während der Wachstumsphase einen allzu heftigen Trockenstress der Pflanzen zu verhindern. Doch das Ziel ist auch, so weit wie möglich mit der Natur zu arbeiten und den Wasserverbrauch einzuschränken.
Denken Sie das nächst Mal daran, wenn Sie wegen starker Schneefälle im Stau stecken!