Weshalb der Wein im Urlaub besser schmeckt als zurück daheim?


Bestimmt kennen Sie das Syndrom des Rosé aus der Provence. Ach, Sie waren noch nie in Südfrankreich in den Ferien? Dann nehmen wir Sie mit auf die Reise.

Voilà, Sie befinden sich auf den Dorfplatz in einem kleinen Ort irgendwo in der Gegend von Saint-Rémy-de-Provence. Sie sitzen an einem Tisch in einem Bistro und beobachten vergnügt die Partie Petanque, die sich in der angenehmen Wärme des Spätnachmittags abwickelt. Sie sind ganz entspannt. Da Pastis nicht Ihre Sache ist, bestellen Sie gelassen ein Glas kühlen Rosé. Der erste Schluck ist eine Offenbarung! Der frische, lachsrosa Wein macht einen zauberhaft frischen Eindruck. Wie Musik klingt der melodiöse Akzent der Einheimischen in Ihren Ohren. Eine leichte Brise kommt auf und erfrischt angenehm die Abendluft. Sie sagen sich, dass das Leben definitiv zu schön ist und bestellen ein zweites Glas. Jeden Abend wiederholen Sie die Erfahrung zur Zeit des Aperitifs, und als es Zeit ist, die Koffer zu packen, legen Sie gleich einige Flaschen dieses wunderbaren Weins hinzu und beschliessen, diese äusserst angenehme neue Gewohnheit zuhause weiterzuführen.

Und so kommt es, dass Ihr Geist noch in der provenzalischen Sonne badet, als Sie zuhause ihre Freunde zu einem exklusiven Aperitif bei sich einladen, um dem Ende der Ferienzeit zu gedenken. Aber schon der erste Schluck versetzt Sie in Erstaunen. Es fehlt dieses gewisse Etwas, das den Wein auf dem Dorfplatz in der Provence grandios machte. Bei zweiten Glas erklärt Ihnen Ihr Deutschschweizer Nachbar, dass der Walliser Fendant deutlich besser schmeckt als das, was man jenseits der Sense zu trinken bekommt. Das dritte Glas trinken Sie nicht mehr aus und gehen stattdessen in Ihren Keller, um dem Rat Ihres Nachbarn zu folgen und eine Flasche Fendant zu holen. Und bevor die provenzalischen Rosé-Flaschen schliesslich in einer Sangria enden, wiederholen Sie den Versuch, der aber erneut so enttäuschend verläuft wie das erste Mal.

Weshalb entpuppt sich dieser Rosé, der im Urlaub so charmant schmeckte, als ein solcher Misserfolg, wenn Sie ihn bei sich zuhause entkorken? Versuchen wir eine önologische Erklärung. Vor der Flaschenabfüllung erfahren die heutigen Weine diverse physische und biologische Stabilisierungen, damit sie absolut unveränderlich und ausgeglichen bleiben. Deshalb dürfte der Transport in der Wärme des Kofferraums Ihres Wagens während der Reise keine schädlichen Einwirkungen auf die Weinflaschen haben. Also handelt es sich kaum um einen önologischen Fehler des Weins.
Wenn es keine wissenschaftliche Erklärung gibt, dürfte die Antwort eher in der These des absoluten Glücks zu finden sein. Des Glücks, das man erfährt, wenn man alle Sorgen des Alltags weit hinter sich gelassen hat, in einem Bistro sitzt und ein Glas lokalen Weins vor sich hat. Der einfachste Wein wird dann fast zwangsläufig köstlich schmecken, denn die ganzen Umstände und die Atmosphäre sind bezaubernd, neu, reizvoll und äusserst angenehm.